Donnerstag, 8. Mai 2014

Einfach alles weg


Manchmal hätt ich die größte Lust, einfach alles herzugeben und mit einer Kuh, zwei Schafen und zehn Hühnern auf eine Alm zu ziehen. Dort Gemüse zu pflanzen und in einer Holzhütte ohne Wasser und Strom zu leben. Weil, mal ehrlich, man braucht nicht mehr. Dann wäre ich einfach weit weg von der ganzen Scheiße, die hier läuft. Sind wir eigentlich noch zu retten? Was ist das Problem, wenn man sich vor seiner eigenen Spezies ekelt? Der Blick für das Wesentliche ist einem zu bedeutenden Teil unserer Gesellschaft abhanden gekommen. Menschen versinken in Luxusproblem-Krisen. Menschen sind selbstzentriert. Nein, das ist unfair von mir. Menschen nehmen sehr wohl Anteil am Leben anderer. Über Facebook zum Beispiel. Und wenn Ungerechtigkeiten passieren, kann man darauf zählen, dass sofort sehr viele Leute das wieder geradebiegen, wenn eine Frau redet, bevor sie denkt zum Beispiel. Da passiert ein Zusammenwirken von Leuten, die sich nicht einmal kennen, das ist so ergreifend, dass es mir eine Gänsehaut aufzieht. Über den ganzen Körper!!!  In einer überwältigenden Eigendynamik ballt sich der Hass Vieler zusammen und entlädt sich auf eine Person. Und das bei sehr wichtigen Themen. Dass die landeseigene  Musikbranche durch den Dreck gezogen wurde, das kann man natürlich nicht so stehen lassen. Ich bin ganz gerührt, wenn ich das sogar hier in Kenia mitbekomm, wieviel sich meine Landsleute um Andere kümmern, wieviel Anteil sie nehmen. So groß war meine Rührung, dass ich es nicht mehr ertragen konnte und mich jetzt erstmal dauerhaft von Facebook verabschiedet habe.

Und jetzt ernsthaft! Gibt es keine anderen Dinge im Leben? Muss ich mich echt über SO ETWAS aufregen, wo es so vielen Menschen auf dieser Welt so schlecht geht? Muss ich dazu beitragen, dass es einfach noch mehr Leuten mies geht, indem ich sie mit Dreck bewerfe? Wirklich?
Ich weiß, das trifft nicht auf alle Menschen zu. Ich habe 7000€ und fünf Sponsoren für  Schulkinder innerhalb von neun Monaten hier aufgetrieben. Und das war nicht mein Verdienst, sondern der meiner Familie in Österreich und von Freunden, die sich so unheimlich viel Mühe gemacht haben. Und dafür kann ich nicht oft genug Danke sagen. Und ich sollte die Charakterstärke besitzen, das zu sehen und nicht Shitstorms gegen irgendwelche Leute. Oder Posts die stolz mitteilen, letzten Abend 100€ für Alkohol rausgeworfen zu haben. 100€ ist ein Volksschuljahr in einer guten Schule für ein Kind hier in Kenia. Und in einer nicht so Guten kann ein Kind damit sogar vier Jahre zur Schule gehen. Gehen wir doch mal Shoppen für 300€ und kaufen uns noch mehr Gewand, das wir nicht brauchen. Damit haben wir dann in einem Tag ein Jahr Highschool auf den Kopf gehauen.

S c h ö n !

Ich habe mich bis jetzt vor solchen Texten gehütet. So „Die Welt ist schlecht und ihr dürft euch nix gönnen und überall verhungern Kinder“. Man soll sich nicht schlecht fühlen weil man in einer besseren Situation geboren wurde als andere. Man soll sich auch nicht schlecht fühlen, wenn man sich mal ein teures Kleidungsstück kauft, das einem richtig gut gefällt. Wenn man mal essen geht, oder ausgeht, oder sich verwöhnt. Das ist nicht falsch. Aber dieses ignorante, verschwenderische, kopflose Leben, das viele führen, da will ich kotzen. Direkt vor ihre Füße, direkt auf die sauteuren Markenschuhe auf die sie sich so viel einbilden. Ich weiß, dass das hier kein einziger Mensch lesen wird, der es lesen sollte. Weil die interessieren sich nicht für so etwas. Leben in ihrer eigenen kleinen Welt, ihr Leben kann furchtbar hart sein, vielleicht wurden sie verlassen oder haben sich mit den besten Freunden gestritten. Das ist natürlich ein sehr schwerer Schlag und das muss ich mit der breiten Öffentlichkeit teilen.

Und ich, ja, ich bin blöd genug, mir das immer wieder zu geben, mich einzuloggen in diesem „Sozialen Netzwerk“ (ist es denn wirklich sozial?) und mich gierig nach Tratsch durch die Neuigkeiten zu fressen, bis ich mich wieder überessen habe und mir einfach nur schlecht ist. Weil eine kleine Ausflucht in diese künstliche, aufgesetzte Welt, die Facebook geschaffen hat, tut manchmal gut nach den Erlebnissen, die ich hier machen darf. Weil ich hier ja auch abgekapselt lebe, und viele Sachen einfach ausblende, weil ein Leben sonst nicht möglich wäre. Ich kann Elend sehen, wie es schlimmer nicht geht, und es berührt mich nicht mehr. Das heißt nicht, dass ich kalt oder emotionslos bin. Ich kann immer noch bei traurigen Büchern oder Filmen heulen und ich fühle mit Anderen. Aber wie soll man sonst irgendwie glücklich sein? Ich blende Elend also aus und lasse es mich nicht zerstören, aber ich vergesse es nicht. Und das tun aber zu viele: vergessen. Ich sage nicht, dass jeder von uns ein Leben voll Traurigkeit führen soll und seine gesamte Energie in die Verbesserung der Welt stecken muss. Aber ab und zu mal nachdenken. Und vielleicht die 20€, die ich für ein weiteres Leiberl ausgegeben hätt, jemandem zugute kommen lassen, der es wirklich braucht. Das ist nicht viel für uns. Aber für viele Leute schon.

Ich selbst lebe ja auch ein absolut scheißprivilegiertes Leben. Mir hat es noch nie an etwas gefehlt und für meine Zukunft stehen mir alle Türen offen. Und es macht mich wütend, dass ich so ein Leben leben darf und andere nicht. Ich habe GELD dafür bezahlt (falsch, meine Eltern haben für mich bezahlt), ein Volontariat hier machen zu können, sprich unentgeltlich zu arbeiten. Ist das nicht paradox? Da hat jemand eine Goldgrube gefunden, Geld zu scheffeln mit den Reichen, die ihr Gewissen beruhigen wollen und sowas machen. Nein, falsch, ich bin nicht hierhergekommen, um mein Gewissen zu beruhigen. Ich weiß auch nicht genau, wieso ich hierhergekommen bin, aber es war die verdammt beste und richtungsführendste Entscheidung, die ich jemals hätte treffen können. Wer oder was auch immer diesen Gedanken in meinen Kopf gepflanzt hat, ich kann nur dankbar sein.
Meistens schäme ich mich hier für meinen Reichtum und mache mich ärmer als ich bin. In Keniaschilling bin ich Millionär. Und ich bekomme mehr Taschengeld als die Arbeiter im Rescue Centre Lohn.

Ich sollte einfach alles hergeben. Ich brauch das alles ja gar nicht. Es wäre ja nicht so, dass ich meinen Reichtum leben würde. Ich spare permanent und weiß nicht mal wofür. Aber alles herzugeben und frei zu sein, dafür bin ich zu feige. Weil ich brauch immer eine Hintertür. Und wenn ich jetzt alles hergebe, wem geb ich das und was geschieht mit dem Rest? Ich will doch noch mehr Menschen unterstützen können. Deshalb kann ich auch nicht auf einer Alm mit einer Kuh und zwei Schafen und zehn Hühnern leben. Weil dann kann ich gar keinem mehr helfen. Nur meinen Tieren. Obwohl das vielleicht auch ganz nett wär.

Montag, 7. April 2014

Henderlmord

Seit eineinhalb Wochen haben wir nun Hühner und grundsätzlich lief alles ganz gut. Die Tiere scheinen sichin ihrem neuen Zuhause wohlzufühlen und nun hat auch eine zweite Henne zu legen begonnen. Letzte Woche ist aber etwas ärgerliches passiert.
Als ich mit meinen Jungs am Morgen das Gehege aufsperrte und nach Eiern suchte, fand ich eine Henne tot in ihrer Box. Irgendetwas war in der Nacht in den Stall gekommen, hatte dem Huhn den Kopf abgebissen und sein Blut getrunken. Das bescheuerte Vieh hat das restliche Huhn nicht einmal angerührt. Es schien fast, als wäre es ihm einfach ein Vergnügen gewesen, die Henne um ihren Kopf zu bringen. Zu allem Überfluss hat der Henderlmörder dann auch noch alle Eier aufgebrochen und ausgetrunken.
Den ganzen Tag verbrachte ich daraufhin damit, sämtliche auch noch si kleine Lücken und Spalten fest zu verschließen. Dieser Vorfall soll der erste und zugleich auch der letzte sein.
Ich habe wohl gute Arbeit geleistet, denn seitdem ist nichts mehr passiert, aber vielleicht sollte ich mich auch nicht zu früh freuen.
Mein Plan zu Beginn der letzten Woche, die Woche etwas entspannter anzugehen, ging irgendwie überhaupt nicht auf, ich war wie die Woche zuvor keine Sekunde lang arbeitslos. Vom Umgraben bis zum Kuhdungschleppen war alles dabei.

Die Müdigkeit, über die ich mich zwei Wochen zuvor beklagt hatte, kam am Samstag mit Malaria zurück. Am Morgen half ich noch auf dem Feld, danach wusch ich meine Wäsche und ging mit zwei Kindern auf den Markt (und kaufte mir eine Strickweste, um die ich noch am selben Abend sehr froh war). Am Abend dann wurde mir urplötzlich elends übel und das Fieber übernahm unbarmherzig die Kontrolle über meinen Körper. Die Nacht war nicht sehr fein, ich machte kein Auge zu und das Fieber wollte gar nicht sinken, mein ganzer Körper schmerzte höllisch und ich war zu schwach, um mich auch nur auf die andere Seite zu drehen. Morgens fühlte ich mich, als hätte mich ein Zug überrollt. Ich habe nicht sehr oft Fieber, aber wenn, dann richtig. Eine Nacht wie diese habe ich glaube ich noch nie erlebt und ich wünsche es keinem.
Ab der Früh ging es bergauf, das Fieber war weg und ich konnte endlich schlafen. Am Nachmittag ging es mir gut genug, um mich zu langweilen, so beschloss ich, ein wenig frische Luft zu schnappen. Mein Weg führte mich hinauf zu Mercy, von wo ich meinen Laptop holen wollte. Das war dann doch etwas zu viel des Guten und ich brauchte eine halbe Stunde Pause, bevor ich wieder zu mir gehen konnte. Am Abend kam das Fieber, allerdings schwächer als am Vortag, zurück, somit war ich mir sicher, dass ich Malaria habe.
Heute geht es mir schon viel besser, ich bin sehr müde und schlafe viel
Ich bekomme ständig Krankenbesuch und jeder kümmert sich rührend um mich.
Am Morgen wurde ich wach, weil jemand in mein Bett gekrochen kam, es war aber kein Einbrecher sondern nur Mercy, die nach mir schauen wollte. Keine zwei Minuten später kam auch Millicent, die begann, mich pausenlos zu fotografieren, weil sie meinte, heute wäre ich besonders schön. Dieses Pink auf meinen Wange stünde mir unheimlich. Danach begann sie mit Mercy, über meine verschiedenen Gesichtsfarben zu diskutieren, was für mich immer sehr amüsant ist. Während sie da waren, wechselte meine Farbe laut ihnen von pink zu gelb und dann wieder zu pink und Millicent begann, ein Video zu machen, um mir den Farbwechsel meines Gesichts später zeigen zu können. So brachte sie auch mich richtig zum Lachen. Danach begann sie eine ihrer Geschichten, die - ganz typisch kenianisch - dreimal so lang war wie eigentlich nötig, da sie immer unendlich weit ausholt um auch ja jedes Detail zu klären. Auch Jane stieß zu uns und wir hatten eine vergnügliche Runde beisammen.
Soeben bekomme ich den dritten Krug Uji (Porridge, allerdings anders als man das bei uns kennt) und ich habe keine Ahnung, wie ich das jemals alles weiterbringen soll.

Sehr viel mehr hab ich nicht zu erzählen, mir ist einfach nur fürchterlich langweilig und schlafen will ich auch nicht mehr.

Sonntag, 30. März 2014

Schwarz-Weiß

Eine anstrengende Woche liegt hinter mir. Von Montag bis Samstag war ich von 8-18 Uhr verfügbar und bin von A nach B und Y nach Z gerannt. Das gab mir wieder das Gefühl, sinnvolle Arbeit zu machen können. War ich eine Zeit lang wieder einfach nur müde, war ich nun zu beschäftigt, um das noch wahrzunehmen. Mein Körper reagiert auf die körperliche Arbeit und die viele Bewegung, vieles fällt mir sehr viel leichter als noch vor ein paar Monaten. Als ich hierher kam, hätte ich nie eineinhalb Stunden ohne Unterbrechung ein Feld umgraben können und danach noch am Hühnersatall weiterbauen. Habe ich die Zeit, gehe ich zu Fuß in die Stadt, und die Strecke kommt mir nur mehr halb so lang vor wie zu Beginn. Einen kleinen Triumph habe ich am Freitag erlebt.

Ich war in der Stadt, um Futter- und Wasserbehälter sowie Futter für die Hühner zu kaufen. Beladen mit den Trögen bezahlte ich im Agrovet den 20-Kilo-Sack. Der Verkäufer fragte mich, ob mein Auto draußen stünde und wollte mit den Sack ins dorthin tragen. Ich verneinte und bat ihn, mir den Sack auf den Kopf zu geben, damit ich zur Matatu-Stage gehen kann. Daraufhin erntete ich nur einen skeptischen Blick, sodass ich den Sack selber auf meinen Kopf hob und meines Weges ging. Nicht wenigen Leuten auf der Straße hing die Kinnlade herunter, als sie da ein weißes Mädchen mit einem Futtersack auf dem Kopf und Sackerln in beiden Händen durch die Stadt maschieren sahen. Dasselbe wiederholte sich, als ich aus dem Matatu ausstieg und dem Conductor sagte, er solle mir den Sack auf den Kopf heben. Auch auf meinem Weg vorbei an Chicago erntete ich erstaunte Blicke. Als ich das Centre betrat, waren die Reaktionen nicht anders, was mich ein wenig ärgerte, da ich in den letzten sieben Monaten wirklich mehr als einmal bewiesen habe, dass ich mir nicht zu schade für körperliche Arbeit bin, und dass ich diese auch sehr wohl verrichten kann, obwohl ich weiß bin. Dann jedoch kam Maggieauf mich zu, und sie konnte sich vor Lachen kaum halten, und dann sagte sie:
"You REALLY are like us. The only difference is the skin colour."
Und das war Balsam für meine Seele. Es hatte siebeneinhalb Monate gedauert, aber jetzt, endlich, hatte eine Person begriffen, was ich seit meiner Ankunft hier beweisen will. Dass wir alle Menschen sind, und dass unsere größte Differenz die Farbe der Haut ist. Das ist für viele oft nicht verständlich. Man glaubt, in Europa leben keine Menschen auf der Straße, niemand ist arbeitslos, alle sind reich und keiner muss hart für sein Geld arbeiten. Ich weiß, dass unsere Armut verglichen mit der in Afrika in keiner Relation steht, aber den Westen als Paradies hinzustellen, ist enfach grundlegend falsch. Und ich hasse dieses Vorurteil, dass Leute, nur weil sie weiß sind, keine Arbeit machen können.
Einige Zeit zurück wollten wir ein paar Säcke Sägespäne holen, so gingen wir los, sechs Leute, sechs Säcke zum Füllen. Die Säcke gefüllt, wurde ich nach meinem Auto gefragt, und ich sagte, wir würden zurückgehen. Daraufhin stellte eine Mitarbeiterin fest: "You can't carry this, it's too heavy for a Mzungu." Sie machte sehr große Augen, als mir Samuel den Sack auf die Schultern lud und wir uns von dannen machten. Die gut 30kg machten sich nach zwanzig Minuten schön langsam bemerkbar, die Kommentare unterwegs (von "Don't mistreat a Mzungu like this!" bis hin zu "My God I think I'm dreaming!") waren aber allenfalls Ansporn genug, mit den Jungs Schritt zu halten und der Versuchung, den Sack abzuladen, zu widerstehen.

Nach dieser Woche allerdings, da sie mich Lasten auf meinem Kopf tragen haben sehen, da ich stundenlang am Hühnerstall herumgehämmert habe, da ich unermüdlich das Feld umgegraben habe (dass ich das im Dezember auch gemacht habe, ist schon lange vergessen), habe ich das Gefühl, endlich auch in dieser Hinsicht Respekt gezollt zu bekommen. Sie behandeln mich als eine Gleiche und wollen mir nicht alle Arbeit sofort wieder abnehmen, ich bin eine der Ihren. Das ist ein sehr gutes Gefühl.

Donnerstag, 27. März 2014

Ein Tag

Was tu ich so an einem Tag? Mehr oder weniger viel! Hier mein heutiger:

Mein Wecker klingelt um 5:45. Gekonnt finden meine Finger die Off-Taste und schalten somit auch die Schlummer-Funktion aus, ohne mich dabei aufzuwecken. Eine weitere Dreiviertelstunde süßen Schlafes, bis sich um Punkt 6:38 meine Augen von selber öffnen. Nun liegt es an mir und meinem eisernen Willen, ob gleich aufzustehen oder nicht. Spätestens nachdem Kathies Wecker um 7:00 geläutet hat, quäle ich mich aus dem Bett und suche zuerst mal einen dicken Sweater, weil es morgens schweinekalt ist. Im Bad verfluche ich den fast leeren Eimer, der mit Schmutzwasser zum Spülen der Toilette gefüllt ist. Nachdem ich im Bad fertig bin, mache ich mich daran, das Geschirr abzuwaschen, das ich am Abend stehen lassen habe. Mit klammen Fingern spüle ich mit dem eiskalten Wasser und ärgere mich über meine Faulheit am Vortag. Als ich frisches Wasser aus dem Kanister nachfüllen will, geht wie jeden Tag die Hälfte auf den Boden. Hatte ich am Vortag die Motivation, Milch zu kaufen, koche ich Tee, im Moment Masala Chai mit viel Tangawizi (getrockneter Ingwer). Im Idealfall dazu noch ein Mandazi.
Um 8, heute bin ich etwas spät dran, verlasse ich das Haus und geselle mich zu den Kindern. Beim Betreten des Büros habe ich sofort die Ehre eines Vortrags unseres allseits geliebten Herrn Arap Too, der heute wieder die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat. So verlasse ich das Büro schnell wieder und mache meine Halskette, die ich vor über einer Woche begonnen habe, endlich fertig. Danach laufe ich noch einmal zum Haus, ich habe mein Kopftuch vergessen. Während ich um 9:00 den Hügel zu unserem Maisfeld raufsteige, binde ich es mir fest um den Kopf, damit ich mir nach getaner Arbeit nicht wieder Kiloweise Erde aus den Haare fitzeln muss. Haare waschen ist gerade nicht so lustig, da wir kein Wasser haben.
Eineinhalb Stunde reiße ich mit einer Jembe tiefe Wunden in die Erde, um das Maisfeld umzuackern. Danach sind die Blasen vom Vortag offen und brennen, und außerdem hab ich Mwangi versprochen, ihm bei der Ferigstellung des Hühnerstalles zu helfen. Also geh ich wieder runter, direkt zum Hühnerstall, bei meinem Tatendrang brauche ich keine Pause. Die Sonne hat mittlerweile ihre volle Kraft erreicht und brennt erbarmungslos vom Himmel. Sonnenbrand schleicht sich auf leisen Sohlen von hinten heran. Als ich die Gefahr bemerke und mich eincreme, hat er schon meinen Rücken und mein Dekolletee erobert. Naja, hilft ja nix, der Hühnerstall muss fertigwerden, heute kommen endlich die Hühner. Wie immer stellen sich unsere Vorhaben nicht so einfach heraus wie gedacht, doch mit Kreativität und Einfallsreichtum gelingt alles. Ich arbeite echt gerne mit Mwangi zusammen. Eine halbe Stunde Pause gönne ich mir zu Mittag, in der ich Wasser schöpfen gehe. Denn wie gesagt, kein Wasser im Haus. Dreißig Liter später mache ich mich auf zurück zum Hühnerstall. Ich spüre, dass ich heute schon viel getan habe und die Kinder, die mir entgegenlaufen, sind doppelt so schwer wie normal. Weiter geht's, bis halb vier. Dann bin ich alle. Also rauf zu Mercy, nach einem Glas Wasser und Hilfe beim Aufräumen fragen. Im Haus keine Mercy, nur ihre Schwester Sarah, die draufkommt, dass sie Steffi vom Kindergarten abholen muss. Also keine Hilfe beim Aufräumen, stattdessen ein Brolin zum Aufpassen. Wieder aufstehen, das Haus verschließen, Brolin nehmen und ein paar Kinder zusammentrommeln. Nach zwanzig Minuten seht die Umgebung des Hühnerstalls nicht mehr wie ein Schlachtfeld aus. Und da kommt auch Sarah und nimmt mir Brolin ab. Ausruhen! Ausruhen? Neeeh! Die Kinder wollen ihre Perlen. Also flüchte ich mich ins Haus, ich habe sowohl Erde am ganzen Körper als auch Sägespäne in der Unterwäsche. Jetzt bin ich froh, dass ich die Mittagspause zum Wasserholen genutzt habe. Es ist halb fünf, und ich bitte Mercy, mir Obst aus der Stadt mitzubringen. Nachdem ich mich gewaschen habe, kommt mein Obst. Drei Mangos für 50 Shilling (weniger als 50Cent) und eine Ananas zum selben Preis. Wieder rauf ins Büro, die Hühner sollen bald kommen. Das tun sie dann schließlich um halb sieben. Aber nur fünf der elf sind da, wieso sollte auch irgendwann einmal etwas nach Plan laufen? Schon während der Fahrt hat eines ein Ei gelegt, ein anderes kommt, während wir die Hühner an den Beinen nehmen und kopfüber in den Hühnerstall tragen. Ich werte das als gutes Omen, auch wenn das Ei hinunterfällt und zerbricht.
Danach geh ich rauf zu Mercy. Hab echt keine Lust zu kochen, und wenn ich Glück habe, gibt's sogar Eier oder Fleisch.
Richtig müde strecke ich mich auf dem Sofa aus, doch Steffi lässt das nicht zu, sie will spielen. Nicht heute, nimechoka sana! Der Strom fällt aus und alle hoffen inständig, er ist bin zu La Patrona, unserer Soap, wieder zurück. Ist er, und wir schauen, und essen (es gibt Eier!) - ich esse für zwei, weil ich das Mittagessen ausgelassen habe, und meine Augenlider werden immer schwerer. Also geht's heute schon um halb neun nachhause. Während des Hinuntergehens mache ich meine To-Do-Liste, die immer länger wird, da ich nur die Hälfte meiner Punkte an einem Tag abarbeiten kann meistens. Also, in der Früh aufs Maisfeld, danach den Hühnerstall noch vollkommen fertigstellen, danach in die Stadt, Hühnerfutter kaufen, Fotos entwickeln, DVD kaufen, nach einem Schulbuch sehen. Zurück, schauen, wie alles läuft, mittagessen, auf den Markt mit ein paar Kindern, wieder ins Centre, Betty zeigen, wie man die Halskette macht, die ich heute fertiggestellt habe. Und Palatschinken wollte ich eingentlich auch machen.
Dass ich das niemals schaffe, weiß ich jetzt schon.
Ich öffne die Tür zu unserem Compound und gehe über das leicht feuchte Gras auf unser Haus zu. Gleich bin ich daheim.

Mittwoch, 26. März 2014

Welten

Nach einer Woche mieser Laune ging es wieder bergauf, und zwar steil. War es die Unterstützung, die ich immer und immer wieder von Österreich bekomme und das Vertrauen, das mir die Menschen schenken und das ich sehr schätze, oder die Tatsache, dass man manchmal lange warten muss, bis die Früchte seiner Arbeit sichtbar werden.

Mit Raph bin ich zum Kerio Valley gefahren, das nicht weit von Eldoret liegt und mit atemberaubender Schönheit prahlt. Das Great Rift Valley ist ein Graben, der sich durch ganz Ostafrika zieht und somit auch den Westen Kenias mit dieser klaffenden grünen Wunde ziert. Dieser Ausflug hat die Reiselust in mir wieder geweckt, und man muss gar nicht weit fahren, da Eldoret eigentlich ein idealer Ausgangsort für Reisen ist.

Wir haben im Centre einen neuen Jungen bekommen, der uns alle fordert. Er ist um die vier oder fünf Jahre alt und legt ein sehr eigenes Verhalten an den Tag. Ob das einer psychischen Störung obliegt und ob diese angeboren oder durch traumatisierende Erlebnisse aufgetreten ist, darüber wird gerade viel diskutiert. Der Name des Jungen ist nicht ganz sicher, da wir nicht wissen, ob wir ihn richtig verstehen.
Er ist intelligent und weiß, welches Verhalten angebracht ist und welches nicht. Er versteht sich nicht sehr gut mit den anderen Kindern und streunt am liebsten im Büro der Sozialarbeiter herum. Wenn man ihn dazu bringen will, irgendwohin zu gehen, beginnt er zu schreien, bekommt plötzlich fürchterliche Angst und läuft weg. Sobald man ihm seine Freiheit zu nehmen scheint, bekommt er Panik. Er kann nicht in die Vorschule, da er es nicht aushält, in diesem Raum zu bleiben. Sobald man ihn hineinbringt, beginnt er zu schreien, und er hört erst auf, wenn er wieder draußen. Schon zweimal hat er mich mit Steinen beworfen, als ich ihm etwas nicht gegeben habe, und er weiß selber sehr genau, dass das nicht richtig ist.
Er stellt uns vor ein Rätsel, da hier keiner dazu ausgebildet ist, sich mit Kindern mit speziellen Bedürfnissen zu befassen. Oftmals finde ich das Verhalten der Kollegen allerdings unangebracht, da ich nicht viel Sinn darin sehe, ein schon verängstigtes Kind mit Drohungen noch mehr zu verschrecken.
Aber was Kindererziehung, ob nun speziell oder nicht, betrifft, geht meine Meinung mit der einiger hier sowieso sehr auseinander.

Wie sehr ich mich hier wohlfühle macht mir manchmal fast Angst. Ich liebe es, durch die Nachbarschaft zu streifen und die Eindrücke aufzusaugen. Beim Chapati-Mann zu stoppen und ein Chapati für 10 Cent zu kaufen. Oder bei der Tip Top Dairy "das Übliche" für den Abend zu holen. Ein kurzer Tratsch mit der Gemüsefrau, nach deren Namen ich permanent zu fragen vergesse. In die verschiedenen Estates zu gehen ist wie von einer Welt in die nächste zu schlüpfen.
Mwanzo ist verwinkelt und mit vielen Wegen, Abkürzungen, Unabkürzungen, Sackgassen. Geht man seinen Weg, sieht alles verschlossen, abgewendet aus, doch dann plötzlich öffnet sich die Gasse zu einem kleinen Platz voller Leben. Durch einen fehlenden Ziegelstein oder ein Fenster in der Mauer blickt man in die Höfe der Häuserreihen. Eine Häuserreihe teilt sich in drei bis sieben Ein- oder Zweiraumwohnungen, und zwei dieser Reihen wenden sich einander zu. In dem Raum dazwischen hängt die Wäsche, spielen die Kinder, unterhalten sich die Mütter und Hausmädchen.
Von oben sieht Mwanzo ein wenig aus wie eine orientalische Stadt, nur ohne prunkvolle Moscheen. Man kann das Estate leicht von oben überblicken, da die meisten Häuser nur ein Erdgeschoss haben. Darauf Rauchfänge, Fernsehantennen und ein heilloses Stromkabelgewirr. Die sandige Farbe der Gebäude und der Staub komplettiert das Bild. Manchmal geh ich auch gerne in einen Innenhof und spähe in leerstehende Wohnungen. Und schon beginnen sich Möbel, die ich beim Schreiner nebenan kaufen würde, natürlich nicht ohne erbarmungslos gehandelt zu haben, selber an die richtigen Plätze zu schieben und ich erträume mir mein Leben in dieser kleinen Wohnung für 35€ pro Monat. Dann würd ich mir jeden Tag ein Chapati vom Chapati-Mann kaufen und die Tip Top Dairy wäre auch nicht weit entfernt. Vor der Haustüre würde ich die Kohle für meinen Jiko ausbreiten und in der Sonne trocknen, gleich daneben ein paar Blümchen pflanzen. Und wenn uns ein plötzlicher Schauer überrascht, würde die Nachbarin die Wäsche für mich abhängen. Von draußen würde ein "Hodi?" ertönen und mit einem "Karibu!" lüde ich den unangemeldeten Besuch in mein Haus ein.
Dann reißt mich ein Geräusch aus dem Tagtraum und ich mache mich aus dem Staub, denn Leute sehen mich schon seltsam an, was drückt sich ein Mzungu hier die Nase an einem Fenster platt?

Kamukunji ist arm. Sehr arm. Hier sind die Häuserreihen nicht aus Stein, sondern aus Lehm. Hier gehe ich nicht sehr oft alleine herum. Es ist unvergleichbar schmutziger als in Mwanzo und es stinkt. Aber man bekommt billiges Gemüse. Hier wird mir viel nachgerufen und ich treffe manchmal Straßenkinder, die mal im Rescue Centre waren und wieder weggelaufen sind. Die Armut ist allgegenwärtig. In Mwanzo hängt so manches Tor zu einem Hof schief in den Angeln, hier gibt es keine Tore. Das Abwasser würzt die Abendluft und während der Regenzeit ist ohne Gummistiefel nicht an Hinausgehen zu denken.

Huruma. Huruma wächst. Huruma hat Zeigelhäuser und Lehmhäuser. Mwanzo ist schon gedrängt und zusammengestoppelt, aber kann nicht mit der explosionsartigen Vergrößerung dieses Estates mithalten. Die Häuser ploppen irgendwie und irgendwo aus dem Boden. Hier gibt es einfach ALLES. Und Huruma ist günstig. Huruma hat ein Spital. Huruma hat eine große Primary School. Huruma ist sein eigenes kleines Städtchen für sich. Bewegt man sich immer weiter in das Estate hinein, wird das Leben elender, und der Gestank der Schweine, des Abwassers und des lokalen Gebräus treibt einem Tränen in die Augen und lässt den Kopf schwummrig werden. Die Häuser sind aus Lehm und Erde und oft abrissreif, dennoch werden sie von Menschen belebt. Dennoch mag ich Huruma. Es hat trotz allem diesen Lebensgeist in sich, es ist ständig in Bewegung.

Kidiwa ist geplant, hier stehen einzelne Häuser in Reih und Glied, keines hängt mit dem anderen zusammen. Zwischen den Häusern wächst Gras und alles ist geordnet. Ein Haus in Kidiwa oder U E zu bekommen, ist praktisch unmöglich. Die Besitzer wechseln nicht sehr oft, und wenn, dann bleibt das Haus doch zumindest in derselben Verwandtschaft. Es sind Orte zum Leben, aber die Orte selber sprühen nicht so vor Leben wie die oben beschriebenen. Das bunte Durcheinander wird durch System und Organisation ersetzt.

Damit beschließe ich diesen Eintrag, da die Blasen an meinen Händen zu brennen beginnen. An das Beackern der Felder werden sie sich wohl noch länger nicht gewöhnen. Schön, dass noch ein Haufen Arbeit vor uns liegt.

Mittwoch, 12. März 2014

Visum und Frust

Das gesamte Monat Januar wurde von einem eizigen Problem überschattet: meinem Visum.

Unsere Arbeitserlaubnis, die uns den weiteren Aufenthalt in diesem Land erlauben sollte, war noch nicht da und so wussten wir nicht, ob wir dieses Land vielleicht vorzeitig verlassen müssen. Die Alternativen schienen zu unsicher, feststand, dass wir am 10. Februar raus aus Ostafrika sein müssten, sofern wir kein neues Visum bekämen nicht illegal in diesem Land bleiben wollten. Ob "raus aus Ostafika" nun nach Österreich oder in ein anderes afrikanisches Land heißen sollte, war unklar, jedoch schien die Rückreise nach Kenia mit Ausreise nicht automatisch gewährleistet und war zusätzlich noch ziemlich teuer. Wir wurden von unsere Organisation zu warten geheißen, und dieses Warten und die Ungewissheit war unglaublich zermürbend.

Nach einem halben Jahr abzubrechen und zurück zu kommen, war für mich keine Option. Ich hatte hier so richtig meine Aufgabe gefunden und viele Dinge begonnen, ich wurde  wirklich gebraucht. Außerdem war und bin ich im Kopf einfach darauf eingestellt, hier ein Jahr zu verbringen, und war ganz und gar nicht bereit, Kenia zu verlassen.

Das eigentliche Problem an der ganzen Sache war, dass sich meine Gedanken plötzlich sehr mit Österreich beschäftigten, und das in Kombination mit meinen größer werdenden Problemen, mit der Behandlug hier klarzukommen und dem Frust auf die Regierung, meine Organisation und überhaupt alles, wusste ich plötzlich gar nicht mehr, wohin mit mir.
Wie schon erwähnt, es war einfach zermürbend.

Ich will diesem Abschnitt kein so großes Kapitel widmen, da es sich in letzter Sekunde gerklärt und ich jetzt unbehelligt bis August hierbleiben kann. Die Situation hat jedoch Gedanken ausgepackt und kleine Samen gesät, die langsam keimen und sprießen und zu einem richtigen Halbzeit-Tief heranwachsen sollten.
Schon in der Vorbereitung noch in Österreich sind wir diesen Graphen durchgegangen, dem anscheinend jeder folgt, und der nach der Hälfte des Einsatzes erst mal steil nach unten geht. Obwohl ich mich nicht gerne als so voraussehbar sehe, hat dieser Stimmungsgraph in dieser Hinsicht auch bei mir voll zugetroffen.
Ich war plötzlich müde.
Ich war plötzlich frustriert.
Ich sah plötzlich keinen Sinn mehr in dem, was ich hier tu.
Ich war genervt.
Ich fühlte mich nicht verstanden.

Man wird hier mit Problemem und Herausforderungen konfrontiert, die sehr viel Energie, sehr viel Optimismus und sehr viel Geduld brauchen. Denn so einfach ist es nicht, zu helfen. Über die Gründe, warum, mag man sich streiten, ist es die Mentalität, hat es sich aus dem Fehlverhalten früherer Unterstützer entwickelt, macht man selbst etwas falsch, ist es die Bildung, im Endeffekt steht man dann halt vor dem Problem:
Viele Menschen hier verstehen unter "Hilfe", dass man mit einem Koffer voll Geld bei ihnen vorbeikommt, sie dessen Inhalt verschleudern können, und dann bringt man Nachschub. Um Nachhaltigkeit sicherstellen zu können, braucht man am allermeisten die Kooperation der Menschen, denen geholfen werden soll. Und daran scheitert es leider. Einfache Dinge wie einfach zu uns ins Zentrum zu kommen, um das nächste Vorgehen auszudiskutieren, sind oft nicht möglich. Das tut weh. Ich habe mich irgendwann dabei gefunden, Menschen nachzulaufen, um sie zu überreden, das Schulgedl und die Uniform, die ich für sie bekommen habe, anzunehmen, und selbst dafür waren sie nicht bereit, mich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort zu treffen. Ich habe also beschlossen, diese Menschen aufzugeben und mich auf andere zu konzentrieren, die die Unterstützung auch annehmen. Und das war eine sehr schwer einzugestehende Entscheidung. Ich bin mit einer gewissen Naivität nach Kenia gekommen. Nicht mit der Überzeugung, ich rette die Welt. Oder ich wäre hier eine furchtbar wichtige Person. Aber mit viel Motivation und dem Vorsatz, die Aufgaben, die ich mir gebe, auch zu meistern. Und es hat mich zu Beginn furchtbar gestört, wenn ich von den Sozialarbeitern Aussagen hörte wie "Oh, da kann man nichts machen." und damit war die Sache gegessen. Weil man soll es doch wenigstens PROBIERT haben. Wenn ich mich dahingehend dazu äußerte, wurde das meistens unkommentiert so aufgenommen. Sie haben wohl einfach auf den Moment gewartet, in dem mir plötzlich die Wahrheit an "Da kann man nichts machen." klar wird. Naja, sie wurde mir mittlerweile klar. Ich will versuchen, mich davon nicht so weit desillusionieren zu lassen, keine scheinbar unmöglichen Dinge zu versuchen. Denn jeder noch so kleine Erfolg gibt mir recht. Aber es gab viele Momente, in denen ich mich wie der kleine bedröppelte übereifrige Heini fühlte, der immer wieder umsonst seine Energie und sein Herz in hoffnungslose Fälle steckt.
Außerdem war ich unheimlich genervt davon, dass alles immer so unheimlich lange dauert. Wenn man etwas nicht selber anpackt, kann man sich sicher sein, dass es nicht gemacht wird. Und wenn man delegiert,braucht es strikte Kontrolle, ansonsten muss man sich auf Überraschungen gefasst machen.
Der ganze Frust und das Satthaben führten zu einem mehr oder weniger Ausbruch, in dem ich sehr offen und zu gerade heraus Mitarbeitern diesen Frust ins Gesicht geworfen habe. Das Resultat war die kalte Schulter einer Kollegin, die ich eigentlich sehr gerne habe, für zwei Wochen.

Ja, also das war so mein Problem. Mittlerweile habe ich meinen Optimismus wiedergefunden.

Samstag, 15. Februar 2014

Rassismus

Um es gleich vorwegzunehmen, dies ist einer der subjektivsten Einträge des ganzen Blogs und stützt sich einzig und alleine auf meine Erfahrungen, die ich ganz spezifisch in Eldoret während meiner sechs Monate hier bis jetzt gemacht habe. Ich will nichts verallgemeinern, auch wenn es sich im Laufe des Textes vielleicht so anhört und ich kenne natürlich auch persönlich Menschen/Männer, auf die das nicht zutrifft. Weiters ist es ein Suder-Artikel.

Wenn man an die Beziehung Weißer-Schwarzer denkt, kommt doch eigentlich sofort die Unterdrückung der Scharzen durch den Weißen und der schreckliche Rassismus, die unwürdige Behandlung der afrikanischen Bevölkerung durch den Westen. Dass die Schwarzen jedoch Weiße, "Mzungus" in Kenia, die andere Hautfarbe ebenso diskriminieren, wenn auch vielleicht auf eine andere Art und Weise, daran denkt selten jemand, der es nicht selber erlebt hat. Ich leide im Moment sehr unter der Sonderbehandlung, die mir leider hier zuteil wird. Zu Beginn nur angestarrt, wurden die Menschen hier mit der Zeit mir gegenüber immer unverschämter, und im Moment scheint es seinen Höhepunkt zu erreichen. Ich hoffe zumindest, dass es der Höhepunkt ist, denn momentan will ich nicht einen Fuß in die Stadt setzen. Meine Kräfte sind aufgezehrt, ich werde zunehmend aggressiver und sensibler gegenüber den blöden Anreden, den Anmachen, dem Anfassen, dem Nachschreien.
Zuerst war es nur der "Mzungu". Wohin ich auch ging, hörte ich "Mzungu, how are you?". Das ist etwas lästig, aber auszuhalten, denn man muss ja nicht antworten, und man wird, wie bei jedem permanenten lästigen Geräusch, irgendwann taub und hört es nicht mehr. Der Hauptgrund, warum es mich störte, war, dass man permanent daran erinnert wird, dass man anders ist. Ich kann 50 Jahre hier leben und fließend Swahili sprechen, meine Hautfarbe mach mich zu einem Anderem, der anders behandelt und immer gesehen wird. Je nachdem, in welcher Gegend, folgten mir Leute, fassten meine Haut an, versuchten, mich zu überreden, in ihren Bus oder ihr Auto zu steigen. Schnell hatte ich einen Stadt-Gesichtsaudruck und war taub gegenüber allem, was Freunde entweder davon abhielt, überhaupt Hallo zu sagen, wenn sie mich sahen, oder sie zwang, mir nachzulaufen, da ich auf ihre Rufe nicht reagierte. Wer das mittlerweile macht und mich von hinten anfasst, läuft Gefahr, eine geklebt zu bekommen.
Jetzt bin ich nicht mehr Mzungu. Jetzt bin ich Wamboi, Wangeshi, Wanjiko, Wanjiro, Baby, Sweetie, Honey. Die ersteren sind Kikuyu-Namen, die sie mir deshalb geben, da die Kikuyus der mitunter hellhäutigste Stamm der Kenianer und somit der den Mzungus am ähnlichsten ist. Ich habe mich also von der Weißen zur Kikuyu gemausert. Das klingt vielleicht jetzt nicht so schlimm, es ist aber enorm unfein, permanent bei irgendeinem Namen gerufen zu werden. Generell ist es unfein, gerufen zu werden. Es ist unfein, immer naders behandelt zu werden. Auch, weil das nicht ein einmaliges "Wangeshi!" ist. Nein, da ich nicht reagiere, ist es ein "Wangeshi! Wangeshi! Hey, Wangeshi! WANGESHI!!!! How are you? HOW ARE YOU WANGESHI?????". Das geht so lange, bis ich außer Sichtweite bin. Die nettesten belassen es dei den Rufen. Doch dann gibt es die, dir einem nachlaufen. Das heißt, du wirst von "Wangeshi"-Rufen UND einem Typen verfolgt. Jetzt sind das aber nicht die Typen, mit denen man unbedingt zu tun haben will. Die erste Antwort auf "Warum reagiere ich nicht einfach?". Die zweite: Ich hab was zu tun, wenn ich in die Stadt gehe und kann nicht jede halbe Minute ein Gespräch beginnen, in dem mir jemand Ordinäres an den Kopf schmeißen will.
Dann die Grapscher. Es passiert mindestens einmal pro Stadtgang, dass jemand an mir vorbeigeht und einfach mal noch ganz beiläufig die Hand auf meine Brust oder meinen Hintern legt. Wer nicht schnell genug wegläuft kassiert hiernach eine Ohrfeige. Was denken sich diese Leute?!
Die "Witzbolde". Ich gehe auf der Straße entlang, ein Typ kommt entgegen udn fast schon im Vorbeigehen hält er sein Gesicht ganz nah vor meines und spuckt mir ein "Mzungu", ein "Hey baby." oder sonstiges ins Gesicht. Mal abgesehen vom dem Mundgeruch, den viele Kenianer haben, ist das ein sehr unangenehmes Gefühl, da ich nicht gerne Nase an Nase mit einem Menschen stehe, den ich nicht ausstehen kann.
Die Festhalter. Ich gehe, da packt eine Hand meinen Arm und versucht, mich irgendwohin oder in einen Bus zu ziehen. Nach dem Grapscher das unverschämteste.
Und dieses Verhalten legen nur die Kenianer an den Tag. Noch nie hat mich eine Frau blöd angemacht, noch nie hat mir eine Frau hinterhergeschreien, noch nie hat mir eine Frau ihren Händedruck aufgezwungen.
Was mich zu meinem nächsten Punkt führt: die Männer.

Ich weiß nicht, was falsch läuft in ihrem Kopf. Ich weiß es nicht. Zuerst mein Gastvater, der mich aber so bedrängt hat, als ich noch dort wohnte und es nach vier Monaten permanenten Ignorierens, des Sperrens seiner Telefonnummer und des Blockierens auf Facebook immer noch nicht gerafft hat und weiterhin Wege findet, mich zu kontaktieren. Er hat den Grundstein für mein etwas gestörtes Verhältnis gegenüber dem anderen Geschlecht hier in Kenia gelegt. Sämtliche Typen, mit denen ich in den ersten zwei Monaten Kontakt hatten, wollten mich nur ins Bett bekommen, ich bekam täglich anonyme Anrufe, die, wenn ich ungehalten wurde, zu Bedrohungen wurden, hatte immer wieder Stalker, die ich nicht kannte, die mich aber kannten, wussten, wo ich wohnte, und mich unendliche Male am Tag anriefen, und fragte mich ernsthaft, welches Arschloch meine Nummer an so viele andere Arschlöcher gegeben hat.  Dabei war vor allem die Art und Weise, wie sie sich mir anboten oder nach zwei Tagen ihre brennende Liebe gestanden, schlicht lächerlich.

Ich weiß nicht, ob dieser Text annähernd verdeutlicht, wie es ist, ständig das Ziel zu sein. Man kann es wohl auch nur nachfühlen, hat man es schon einmal in irgendeiner Form erlebt.
Diese Menschen machen mir es im Moment jedenfalls schwer, mich in diesem Land wohl und von der Gesellschaft akzeptiert zu fühlen. Ich fühle mich bei meinen Freunden wohl und in meiner vertrauten Umgebung, wo mich die Leute gut kennen und in Ruhe lassen. Aber nicht draußen. Und das ist sehr traurig. Ich vermisse, anonym zu sein.

Ich habe mir hier sehr viel Frust von der Seele geschrieben und war einfach nur entnervt, aber bin hier keineswegs in Gefahr, wenn ich mich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewege, und nicht alle Männer sind Schweine, und wie gesagt ich war genervt und mittlerweile kann ich wieder darüber lachen und zurücksudern, weil es einfach nur richtig doof ist, was die da abziehen und eigentlich ein wenig arm, also ihr braucht euch echt keine Sorgen machen!! Bitte. Wirklich.